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Flattr this 05-12-2009 Kultur
Wjatscheslaw Tichonow alias Max Otto von Stierlitz gestorben


Der russische Schauspieler Wjatscheslaw Tichonow ist tot. Tichonow starb im Alter von 81 Jahren am Freitag in Moskau, wie russische Nachrichtenagenturen meldeten. Tichonow sei nach einer Operation einem Herzversagen in einer Klinik der russischen Hauptstadt erlegen.




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Präsident Dmitri Medwedew und Regierungschef Wladimir Putin kondolierten der Familie des Mimen, der in Russland mit seiner Rolle als Max Otto von Stirlitz in der TV-Agentenserie "17 Augenblicke des Frühlings" (1973) Kultstatus erlangte. Tichonow spielt darin einen sowjetischen Agenten in Nazi-Deutschland. Im Westen wurde Tichonow als Prinz Andrej Bolkonski in dem Epos "Krieg und Frieden" (1965) nach Leo Tolstoi berühmt, der mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde. Auch in Nikita Michalkows Oscar-Film "Die Sonne, die uns täuscht" (1994) spielte Tichonow mit. 1948 debütierte der aus einer Arbeiterfamilie stammende Künstler in dem Streifen "Die junge Garde" (1948). Seine berühmteste Rolle aber war Max Otto von Stierlitz An den Abenden des August 1973 waren die Straßen der russischen Städte fast wie ausgestorben. Damals fand im UdSSR-Fernsehen die Premiere der Fernsehserie „Siebzehn Augenblicke eines Frühlings" über den Zweiten Weltkrieg statt. In jenen Tagen schenkte die Filmkunst des Landes dem Publikum einen neuen Kulthelden, den sowjetischen Aufklärer, der als SS-Standartenführer Max Otto von Stierlitz in Deutschland im Einsatz war. Von der Zeit an konnte ein James Bond nicht mehr mit der leidenschaftlichen Liebe der russischen Zuschauer rechnen. Diese wurde Stierlitz und auch den anderen Helden der Serie zuteil - sowohl den positiven wie dem von dem Aufklärer angeworbenen Pastor Schlagg und Professor Pleischner, als auch den negativen, die der realen Geschichte entnommen wurden: Heinrich Müller, Walter Schellenberg und Martin Bormann.

All diese Figuren, die vom Politkrimi-Autor Julian Semjonow, der das Buch „Siebzehn Augenblicke eines Frühlings" geschrieben hatte, und der Filmregisseurin Tatjana Liosnowa „aufgepäppelt" wurden, konnten die Grenzen der Kunst überschreiten und fingen ein eigenes Leben an - zunächst in Witzen. Für Filmfiguren bedeutet das eine ganz besondere Ehre. Das heißt, dass sie im Bewusstsein des Volkes Fuß gefasst haben. Zwar gibt es keine genaue Angabe, wieviel Witze über Stierlitz, Müller und Bormann enstanden waren, fest steht aber, dass sie zu den populärsten Figuren des „kleinen Epos" gehören. Jeder Schüler könnte sofort mehrere Witze über Oberst Issajew erzählen, der „dienstlich" den Namen Stierlitz tragen musste.

Man wollte ihn zum Präsidenten wählen

Als ein Magazin Mitte der 90er Jahre bei einer soziologischen Umfrage seinen Lesern vorschlug, einen russischen Präsidenten aus dem Kreis der populärsten Filmfiguren zu wählen, gewann Max Otto von Stierlitz das „Rennen" mit einem großen Abstand. Zitate aus den „Siebzehn Augenblicken..." sind auf Schritt und Tritt zu hören, Bilder aus dem Film werden in Werbeclips verwendet, Repliken vieler Filmfiguren sind „geflügelte Worte" geworden. Dabei wäre Tatjana Liosnowa noch als Studentin beinahe von der Gesamtrussischen Staatlichen Filmhochschule geflogen - wegen „professioneller Untauglichkeit"!

Was war in dem Film so bestechend?

Der Film hatte alles zu bieten, was das Publikum anzieht, er war wie ein spannender Thriller: der intellektuelle Zweikampf zwischen dem Aufklärer und dem Feind. Zwischendurch rührende Episoden, etwa das heimliche Treffen von Stierlitz mit seiner Ehefrau in einem Lokal und ein Gespräch zwischen den beiden, das nur mit den Augen geführt wurde (eine andere Form des Dialogs war wegen der Konspiration nicht möglich), oder die Episode mit der Funkerin Ket, die chiffrierte Berichte des Aufklärers an das Zentrum sendete und dann, nachdem sie entlarvt wurde, mit zwei Säuglingen in den Armen flüchten musste.

Der von Liosnowa gedrehte Streifen hat einen originellen, „nordisch" strengen und konsequenten Filmstil: Es handelt sich um einen Schwarz-Weiß-Film mit Fragmenten aus Dokumentarfilmen und Dossiers für die handelnden Personen, die von einer begleitenden Stimme verlesen werden. Die „Siebzehn Augenblicke..." enthalten inhaltsvolle und witzige Dialoge sowie eine einprägsame nostalgische Musik des talentierten Komponisten Mikael Tariwerdijew. Diese Musik ist auch heute noch sehr populär, man hört sie oft in neuen, pop-artigen Arrangements.

Ausschnitt aus dem ersten Teil der 12 teiligen Serie



Außerdem gibt es in dem Film viele Details, die man sich immer wieder gerne anschaut und anhört. Etwa wie Stierlitz Klavier spielt, oder die Gangart von Professor Pleischner, die seine kindische Naivität und die Zerstreutheit eines Intellektuellen verrät, oder die Bilder von Berlin - allerdings von Ost-Berlin, im Westteil der Stadt war es aus politischen Gründen unmöglich, den Film zu drehen.

Was das Schauspielerensemble anbelangt, so wurde dieses ebenfalls tadellos ausgewählt. Traditionell hatte das Hitler-Deutschland in den früheren sowjetischen Kriegsfilmen leblos, wie aus Karton geschnitten gewirkt: Die Filmkunst war bemüht, einen Unterschied in ihren Bewertungen und den Bewertungen der offiziellen Geschichte zu vermeiden. Die Schauspieler, die Faschisten spielten, taten das nicht selten in einer grotesken und karikierten Form. Der Film „Siebzehn Augenblicke eines Frühlings" stellte keinesfalls eine Revision der Geschichte dar. Aber der von der Regisseurin von Anfang an gewählte Blickwinkel - das Kriegsdeutschland wurde „von innen" gezeigt - setzte eine Dialektik in der Auslegung der historischen Figuren voraus.

Davon hat der Film nur profitiert, und die mitwirkenden Schauspieler sind nur noch berühmter geworden. Oleg Tabakow, später Chef des namhaften Moskauer Künstlertheaters, der im Film den Schellenberg gespielt hatte, erhielt nach der Aufführung des Films - und dieser wurde sowohl in der Ex-DDR als auch in der BRD gezeigt, einen Brief von Schellenbergs Nichte. Sie dankte ihm dafür, dass er ihren „Onkel Walter" so gut gespielt hatte. Tabakows Schellenberg ist wesentlich intelligenter und charmanter geraten, als es die reale Person war. Und das „alte Haus Müller", den Leonid Bronewoi spielte, wurde als die beste negative Figur in der russischen Filmkunst anerkannt. Außerdem hatte der Film eine weitere Errungenschaft aufzuweisen: Wohl zum ersten Mal erschien im sowjetischen Film ein positiv dargestellter Geistlicher - Pastor Schlagg.

Für Wjatscheslaw Tichonow, der den Stierlitz gespielt hat, war diese Rolle die beste in seiner Karriere. Selbt die Rolle von Fürst Andrej Bolkonski in Sergej Bondartschuks Verfilmung von „Krieg und Frieden" aus dem Jahre 1967 - einer der wenigen russischen Filme, die mit einem Oscar ausgezeichnet wurden - wirkt blasser. Im Volksmund wird Tichonow einfach Stierlitz genannt. In Schulaufsätzen findet man daher Sätze wie „In ‚Krieg und Frieden' gefiel mir am besten die Szene, in der Natascha Rostowa mit Stierlitz tanzt."

Russische Geheimdienstler trauern

So trauern auch russische Geheimdienstler um Wjatscheslaw Tichonow. Für viele sei Tichonows Tod eine „persönliche Tragödie“, sagte Sergej Iwanow, Sprecher des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, am Freitagabend.

„Vor einem Jahr habe ich ihn im Krankenhaus besucht. Ich überreichte ihm Geschenke von Geheimdienstlern, die sein Talent bewundern. Er war sehr gerührt, diese Aufmerksamkeit war ihm, wie es mir schien, sehr angenehm“, hieß es. [ russland.RU ]


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