Russland: Immer noch zwei Gebäude in Naltschik von bewaffneten Kommandos besetzt
Am Tag nach der blutigen Angriffsserie in
der russischen Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien dauert das Drama in der
Hauptstadt Naltschik an. Eine Gruppe von mutmaßlichen tschetschenischen
Rebellen hielt sich auch am Freitag in zwei Gebäuden verschanzt.
Russischen
Behördenangaben zufolge hatten einige der bewaffneten Kämpfer Geiseln in ihrer
Gewalt. Die genaue Zahl der bei den Gefechten von Rebellen und
Sicherheitskräften getöteten Menschen war weiter unklar. Das russische
Innenministerium gab die Zahl der Toten mit mindestens 61 an; ein von der
Nachrichtenagentur Interfax zitierter Polizeivertreter sprach von 19 Toten. 17
Aufständische wurden nach Behördenangaben festgenommen.
Sicherheitskräfte umstellten im Zentrum von Naltschik eine Polizeistation
und ein Souvenirgeschäft, in denen sich zwei kleine Gruppen von insgesamt acht
Rebellen verschanzten, wie die Nachrichtenagentur Itar-Tass unter Berufung auf
den russischen Innenminister Raschid Nurgaliew berichtete.
"Wir haben ihnen
Zeit gegeben, ihre Waffen abzugeben, aber es ist klar, dass wir nicht ewig
warten werden", sagte Nurgaliew. Über die Zahl der Geiseln gab es weiter keine
Angaben. Nach Angaben des russischen Innenministers wurden rund 1500 Soldaten
und 500 Angehörige von Spezialkräften nach Naltschik entsandt.
Mehr als 150 bewaffnete Kämpfer hatten am Donnerstag Gebäude von Polizei,
Regierung, Geheimdienst und ein Waffengeschäft in der Stadt angegriffen. Ein
Angriff auf den Flughafen wurde den Angaben zufolge abgewehrt. Nach den
Attacken wurde die gesamte Stadt abgeriegelt, Russlands Präsident Wladimir
Putin erteilte den Schießbefehl.
Nach Angaben des Innenministeriums von Kabardino-Balkarien wurden bei den
Gefechten mindestens 61 Rebellen getötet. Der Präsident der Kaukasusrepublik
sprach von von 50 getöteten Rebellen, zudem seien zwölf Zivilisten ums Leben
gekommen. Bis zu 150 Menschen wurden nach Krankenhausangaben verletzt. Zu den
Angriffen hatten sich tschetschenische Rebellen im Internet bekannt.
Die Ereignisse in Naltschik lösten international gemischte Reaktionen aus.
Der Generalsekretär des Europarates, Terry Davis, drückte der Russischen
Föderation seine Solidarität aus und sagte die Unterstützung des Europarats
bei der "Bekämpfung des Terrorismus" zu. Menschenrechtler in Moskau
kritisierten hingegen die Regierung Putin: Die tragischen Ereignisse in
Naltschik hätten gezeigt, dass Behauptungen des Präsidenten über einen
angebliche erfolgreiche Bekämpfung der Rebellen in der Region "Lügen" seien.
Der Duma-Abgeordnete Andrej Saweljew sagte der Tageszeitung "Die Welt"
(Freitagsausgabe), die Regierung Putin begehe im Nordkaukasus "keine Fehler,
sondern Verbrechen - Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung."
Die Angriffe sind die jüngsten einer Serie von Bluttaten in den russischen
Kaukasusrepubliken, die in der Nähe von Tschetschenien liegen. Bei einem
ähnlichen koordinierten Angriff waren im Juni 2004 in Inguschetien 88 Menschen
ums Leben gekommen. In Nordossetien nahm ein 32-köpfiges Kommando im September
2004 in einer Grundschule in Beslan Geiseln. Bei der blutigen Beendigung des
Dramas starben 331 Menschen.
Russland führte zwei Kriege gegen Tschetschenien. Die Regierung in Moskau
hat den Konflikt für beendet erklärt und spricht von einer Stabilisierung der
Lage. Die Rebellen wollen nach eigenen Angaben ihre Angriffe fortsetzen, bis
die russischen Truppen aus Tschetschenien abgezogen sind.