[Kommentar Hartmut Hübner]
Gestern war allenthalben zu lesen und zu hören: „Gasprom droht EU mit Gas-Entzug“.
Das klingt dramatisch – und das soll es wohl auch, nach dem Motto „Für Auflage und Quote zählt jeder Tote“. Da wird dem gerade aus einem langen Winterschlaf erwachenden Deutschland der nächste Kälteschock versetzt mit der Horrorvision, die Russen könnten den Westeuropäeren den Gashahn zudrehen, wie unlängst bei der Ukraine geschehen.
Anlass für den energiepolitischen Kassandra-Ruf war eine Zusammenkunft des Vorstandsvorsitzenden der Gazprom AG, Alexej Miller, mit den Botschaftern von EU-Ländern am Dienstag in der österreichischen Vertretung in Moskau.
Dort hatte der Chef des Energiekonzerns betont: „Gazprom war und bleibt der Hauptlieferant von Erdgas nach Europa. Wir verstehen die auf uns liegende Verantwortung und bleiben auch in Zukunft ein Garant für eine sichere Energieversorgung der europäischen Verbraucher. Alle unterschriebenen Verträge für Gaslieferungen werden erfüllt. Daran gibt es keinerlei Zweifel.“
Diese Aussage findet sich in keiner der gestern veröffentlichten Meldungen. Dann hätte man nämlich auch mitteilen müssen, dass die mit Russland vereinbarten Lieferverträge mindestens bis 2020 reichen, im Falle von e.on/Ruhrgas als Aktionär bei Gazprom sogar bis 2030. Und schon wäre die schaurig schöne Gruselgeschichte futsch gewesen.
So aber konnte man munter drauflos spekulieren, was Miller denn gemeint haben könnte, als er sagte: „Man sollte aber nicht vergessen, dass wir aktiv neue Märkte bearbeiten, wie Nordamerika und China.“ Na bitte, das klingt doch eindeutig nach einer Drohung! Zumindest, wenn man Miller nicht weiter zugehört hat, als er deutlich machte: „Die Gaserzeuger in Mittelasien widmen ebenfalls ihre Aufmerksamkeit dem chinesischen Markt. Das ist kein Zufall, die Konkurrenz um die Energieressourcen wächst.“
Das bedeutet nichts anderes, als dass sich Gazprom auch nach weiteren Abnehmern für seine riesigen Gasvorkommen umsehen muss und bei weitem nicht der einzige Anbieter auf dem Weltmarkt ist. Da ist es schon viel wert, sicher auf der europäischen Bank zu sitzen und vielleicht auch noch seine Hände und Füße ausstrecken zu können. Deshalb reagierte der Vorstandsvorsitzende auch sauer auf Versuche in England, die Übernahme eines Gas-Unternehmens und damit den direkten Markteintritt als Versorger zu verhindern: „Bemühungen, die Tätigkeit von Gazprom auf dem europäischen Markt einzuschränken und die Frage der Gaslieferungen, die ausschließlich in den Bereich der Wirtschaft gehört, zu politisieren, wird letztendlich zu keinen guten Ergebnissen führen.“
Bestes Beispiel ist die 3-Tage-Hysterie in einigen deutschen Medien über eine regelgerechte Bürgschaft der Bundesregierung für einen möglichen Kredit deutscher Banken an Gazprom. Nachdem die Russen unter diesem Eindruck schließlich abgewinkt hatten, muss Finanzminister Steinbrück nun mehrere Millionen Euro Einnahmen aus der Bürgschaftsgebühr abschreiben.
Die Amerikaner scheinen das Business as usual offenbar besser zu beherrschen. Schon 2004 sind sie mit Gazprom übereingekommen , gemeinsam spätestens ab 2010 das subpolare Stockmann-Gasfeld auszubeuten und konnten Miller & Co wohl von ihrer Finanzkraft und Zuverlässigkeit überzeugen. Das Vorkommen verfügt über etwa 3,2 Trillionen Kubikmeter Erdgas und erlaubt eine jährliche Förderung von 100 Mio m³ des Kohlenwasserstoffes, doppelt so viel wie durch die geplante Ostseepipeline nach Westeuropa strömen werden.
Gerade diese Unterwasserleitung wurde auf der Beratung der EU-Botschafter mit der Gazprom-Spitze als Beweis einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil gelobt. Miller: „Wir schließen neue Lieferverträge ab, arbeiten erstmals mit deutschen Firmen in der gesamten Produktionskette – von der Gewinnung, über den Transport bis zum Verkauf des Gases an den Verbraucher – zusammen. Das erhöht die Zuverlässigkeit für alle Beteiligten am Projekt, und darüber hinaus für alle Nutzer russischen Gases in Europa.“
Das klingt doch eigentlich ganz gut – für manche deutsche Medien wohl allerdings zu gut.
[ Hartmut Hübner
/ russland.RU – die Internet - Zeitung ]
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