Gaspipeline Nord Stream soll Europas Energiehunger stillen
Jede Reise, so heißt es, beginnt mit einem kleinen Schritt. Als Arbeiter am Dienstag nach russischen Angaben bereits vor dem offiziellen Spatenstich erste Röhrensegmente für die sogenannte Ostsee-Pipeline verbauten, war das nur der Anfang eines riesigen internationalen Energieprojekts:
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Rund 1220 Kilometer soll die umstrittene unterseeische Erdgasleitung zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin an der deutschen Ostseeküste am Ende lang sein. Ab 2012 will das Betreiberkonsortium um den russischen Energiegiganten Gazprom bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr nach Westeuropa befördern. Das entspräche dem Konsortium zufolge etwa elf Prozent des erwarteten Bedarfs der EU im Jahr 2030.
Europa hungert nach Energie - und das macht das Thema Gasversorgung nicht nur wirtschaftlich interessant, sondern auch zu einem Politikum ersten Ranges.
Bei dem seit Jahren akribisch vorbereiteten Großprojekt Ostsee-Pipeline, auch bekannt unter seinem offiziellen Namen Nord Stream, ist das nicht anders. Als Gazprom und seine beiden damaligen Partner - die deutsche Eon Ruhrgas und die BASF-Tochter Wintershall - den Bau der Trasse 2005 im Beisein des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) und Russlands Präsidenten Wladimir Putin besiegelten, war die Rede von einem Meilenstein für eine europäischen Energiestrategie.
Getrieben von optimistischen Prognosen über einen steigenden Erdgasbedarf in Europa hatten in Russland und der EU schon vor rund zehn Jahren die Planungen für den Bau neuer Pipelines begonnen, die immer größere Mengen des begehrten Energieträgers aus dem rohstoffreichen Sibirien transportieren und die alten Trassen durch die Ukraine und Polen ergänzen sollten. Die 7,4 Milliarden Euro teure Ostsee-Pipeline wurde im Rahmen dieser Strategie zum Schlüsselprojekt, an dem sich seit 2008 zusätzlich der niederländische Konzern Gasunie beteiligt.
Noch wichtiger wurde sie in den vergangenen Jahren durch den wiederkehrenden Gasstreit zwischen Gazprom und der Ukraine, der auch in Westeuropa zeitweise zu Lieferengpässen führte. In Russland wie in der EU gilt die Pipeline zumindest hinter vorgehaltener Hand auch als Chance, unabhängiger von latent instabilen Transitländern wie der Ukraine oder Weißrussland zu werden. "Das war lange Zeit eher ein Hilfsargument. Mittlerweile aber ist es fast zur Hauptbegründung geworden", sagt Oliver Geden, Experte für EU-Energiepolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, der Nachrichtenagentur AFP.
Die Ausschaltung der traditionellen Transitländer für den Gastransport nach Europa aber sorgte lange auch für Unbehagen. Vor allem das EU-Mitglied Polen und die Ukraine kritisierten die Ostsee-Leitung. Die Pipelines auf ihren Territorien bescherten nicht nur Einnahmen durch Transitgebühren, sondern sorgten auch für die Gewissheit, dass Moskau ihnen nicht ohne weiteres den Gashahn zudrehen konnte. Stünde Gazprom erst eine Alternativroute unter der Ostsee zur Verfügung, dann - so die Warnung - könnten Unternehmen oder der Kreml bei Unstimmigkeiten nach Belieben zum "Gas-Boykott" greifen. In der EU indes sah nicht jeder gern, dass sich die Gemeinschaft bei der Pipeline einem russischen Monopolisten unter staatlichem Einfluss anvertraute.
Inzwischen aber sind diese Debatten größtenteils verstummt, was Experten generell begrüßen. Die Folgen der Ostsee-Pipeline sind nach Ansicht Gedens "dramatisiert" worden. Die Ostsee-Pipeline sei eine "pragmatische Lösung" für das Problem des wachsenden Energiebedarfs, kein Instrument des Kreml. Auch Heino Elfert vom Energie Informationsdienst (EID) in Hamburg sieht das Projekt keineswegs als Zeitenwende: "Wir sind sowieso von russischen Energieexporten abhängig. Das war vor der Pipeline so, und das wird mit ihr so bleiben." Die Erfahrungen mit Russland als Energieexporteur seien zudem seit Jahrzehnten ausgesprochen gut.
[ Sebastian Bronst/afp/russland.RU ]
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