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28-10-2007 Kultur
Was passiert in Russland?
von Krone-Schmalz, Gabriele (Deutschland)

Man kann Frau Krone-Schmalz nur ein riesiges DANKE für dieses Buch sagen

Brillant bringt sie die Defizite der deutschen Berichterstattung über Russland auf den Punkt.


Sie warnt vor Entwicklungen, die wir nach der Beendigung des Kalten Krieges – glückselig taumelnd vor Freude über eine Zukunft in Frieden und Freundschaft mit denen, die uns noch kurz zuvor als der Inbegriff des Schreckens dargestellt wurden, – für ausgeschlossen gehalten hatten.

Und sie scheut sich auch nicht, unangenehme Vergleiche bezüglich der „Meinungsbildung“ – besser: Indoktrination – mit unserer unglückseligen Vergangenheit zu ziehen.

Dabei ist sie keineswegs „auf einem Auge blind“, sprich russophil; sie sieht und benennt unerschrocken auch die Defizite der „anderen Seite“. Darum geht es ihr aber auch gar nicht. Dass weder die eine noch die andere Seite im Besitz der endgültigen Wahrheit ist und niemand den Stein der Weisen gefunden hat, ist eine so „primitive“ Binsenwahrheit, dass es gar nicht erwähnenswert ist. Ihr ist wichtig, wie wir in der Vorstufe zu diesen großen Zielen Frieden, Freiheit und Freundschaft miteinander umgehen, um eben diese Ziele zu erreichen; wie wir die alltäglichen Stolpersteine zu diesen Zielen – die legalen unterschiedlichen Interessen – meistern, oder, um im Bilde zu bleiben, aus dem Weg schaffen.

bei russland.RU
Negative Berichterstattung über Russland – Pressefreiheit in Deutschland "made in USA"?


Sie zeigt uns, wie unsere Berichterstattung sehr schnell nach einer anfänglichen Euphorie – und der Teufel weiß warum (ich bin zwar nicht selbiger, aber mir scheint es allzu deutlich) – auf einem Auge, nämlich dem eigenen, blind geworden sind. Und wenn man nachfragt, sind natürlich immer „die anderen“ schuld.

In schier unzähligen Beispielen zeigt sie auf, wie in den deutschen Medien ganz eklatant mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um Russland geht. Das geht so weit, dass sogar objektiv dümmliche und hassvolle Kommentare veröffentlicht werden. Über manche möchte man zwar gnädig den Mantel der Scham decken (nur ein Beispiel), aber auch sie sind „offizielle“ Berichterstatter, die mit angeblich objektiven Berichten – so oder so – die Meinung der Leser, Hörer und Zuschauer bilden – und diese Kommentatoren genießen auf Grund ihrer Stellung einen Vertrauensvorschuss.

Hier muss die Frage erlaubt sein, warum diese Art der „Meinungsbildung“ (Meinungsmache ist sicher das richtigere Wort) höheren Orts gebilligt wird.

Frau Krone-Schmalz zeigt auf, dass hier auch handfeste wirtschaftliche und politische Interessen dahinter stehen; paradoxer Weise jedoch sind es Interessen von außerhalb, also fremde („fremdländische“) Interessen, denen sich unsere Meinungsbildner (ich bleibe der „political correctness“ wegen bei diesem Wort) unterwerfen. Sofort tauchen die nächsten Fragen auf: warum tun sie das und wie kommt es, dass dies fast unisono (mit fast ungehörten Ausnahmen) geschieht?

Hierauf gibt das Buch Die Alpha-Journalisten, Deutschlands Wortführer im Porträt gute Antworten. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle darauf einzugehen.

Aber die drängendste aller Fragen ist doch: wie ist es möglich, dass außerhalb unseres Grundgesetzes eine Vierte Macht existiert, die ungeniert, direkt oder indirekt, verdeckt oder offen uns Bürger leitet (als ob wir unmündige Bürger wären, denen man sagen muss, was sie denken sollen), die uns manipuliert und durch bewusste, gewollte Aktionen Politik macht, indem sie gezielt Politiker emporhebt oder diskreditiert (siehe Wahlkämpfe); und indem sie durch gefärbte Informationen oder durch gezieltes Weglassen von Informationen (in unserem Fall die positiven) eine Stimmung erzeugt, Meinung (nach ihrem Belieben) macht? Zur ausdrücklichen Klarstellung: Ich meine damit nicht die objektive Information, sondern die gezielte Destruktion! Und ich meine damit auch nicht die legale Vertretung eigener Interessen!

Dazu gehört auch das Totschweigen von Gegnern und Kritikern, die aufgrund ihrer Kompetenz und allgemeinen Anerkennung nicht erfolgreich demontiert werden können. Beispiel das Medienecho auf Peter Scholl-Latours letztes Buch, in dem er auch die genannten Probleme anspricht: Man hörte im Gegensatz zu sonst fast nichts – es war unbequem. Ich bin mir fast sicher, dass auch »Was passiert in Russland« nicht das ihm gebührende Medienecho erhalten wird.

Ein beliebtes und ganz infames Mittel ist auch die Sinn entstellende, verkürzte Wiedergabe von Fakten und Reden (à la Emser Depesche – schon von Bismarck hervorragend und Leid bringend benutzt), denn sie täuscht Objektivität vor und ist nichts anderes als eine bewusste Falschmeldung.

Es gäbe zu diesem Thema noch Vieles zu sagen, lassen wir es gut sein.

Ich kann mich nur wiederholen:

Man kann Frau Krone-Schmalz nur ein riesiges DANKE für dieses Buch sagen.

Ganz zum Schluss:

Ich habe es übrigens bei aller Skepsis damals nicht für möglich gehalten, dass meine Befürchtungen sich so schnell bewahrheiten würden: Ich befürchtete nach dem großen Umbruch, dass uns der Verlust des Feindbildes noch zu schaffen machen würde; denn der Feind ist immer der Böse, was impliziert, dass man selbst der Gute sei. Plötzlich nicht mehr per definitionem der Gute zu sein, tut weh, macht orientierungslos. Diese Fehlentwicklung zu vermeiden, hätte (schmerzliche) Arbeit an uns selbst erfordert – die wir aber um der Selbstgerechtigkeit willen nicht geleistet haben (was der Interessenslage sogenannter Freunde sehr willkommen war).

Inhalt:

Die deutsch-russischen Beziehungen sind an einem Tiefpunkt angelangt. In der aktuellen Berichterstattung über die Großmacht im Osten werden Feindbilder aus der Zeit des Kalten Krieges aus der Versenkung geholt. Doch ein differenzierter Blickwinkel ist nötig, um das heutige Russland verstehbar zu machen und die Gefahr neuer Missverständnisse und Konfrontationen abwenden zu können.

Gabriele Krone-Schmalz, die als ARD-Korrespondentin die Jahre des Umbruchs in der Sowjetunion miterlebt und die darauffolgende Entwicklung Russlands genau beobachtet hat, wendet sich gegen das verzerrte Russlandbild und weist auf die Diskrepanzen zwischen der russischen Realität und den Stereotypen in der westlichen Wahrnehmung hin. Um das deutlich zu machen zeichnet sie die Entwicklungsprozesse an den russischen Brennpunkten nach: den Aufbau der Zivilgesellschaft, der Parteienlandschaft, der wirtschaftlichen Stabilität auf der Grundlage einer neuen Energiepolitik. Und sie stellt sich auch den Problembereichen, wie den Themen Pressefreiheit, Putins „gelenkter Demokratie”, Energiepolitik und Tschetschenienkrieg – denn Verständnis und deutliche kritische Worte schließen sich nicht aus.

bei russland.RU
Der Petersburger Dialog bei russland.RU und russland.TV – www.petersburger-dialog.russland.ru


Die Autorin:

Dr. Gabriele Krone-Schmalz, Jahrgang 1949, studierte Osteuropäische Geschichte, Politische Wissenschaften und Slawistik. Seit 1976 beim WDR, war sie ab 1982 Redakteurin bei »Monitor«, 1987–1991 Korrespondentin im ARD-Studio Moskau. Seit 1992 ist sie freie Journalistin, bis 1998 moderierte sie den ARD-Kulturweltspiegel. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal mit dem Grimmepreis. Seit 2000 ist sie u.a. im Lenkungsausschuss des »Petersburger Dialog« aktiv und hält Vorträge. [ hmw / russland.RU – die Internet - Zeitung ]
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