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18-04-2008 Politik
Braune Gefahr der russischen Skinheads wird größer
[ von Maxim Krans ] Drei Wochen vor dem Jahrestag des Sieges über den deutschen Nationalsozialismus wollen die russischen Neonazis traditionell den Geburtstag von Adolf Hitler feiern. Im vergangenen Jahr wurde eine Kundgebung zum Andenken an den deutschen Führer mit Zustimmung der Moskauer Behörden veranstaltet.



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In diesem Jahr planen die Neonazis offenbar Massenaktionen und Überfälle auf Ausländer sowie auf heimische Farbige - darauf weisen die zahlreichen Foren von Skinheads und anderen Rechtsextremisten im Internet hin.

Als erste Jugendliche mit kahl geschorenen Köpfen und Hakenkreuz-Symbolen Ende der 80er Jahre in russischen Städten auftauchten, waren viele erst einmal geschockt. Denn davor konnte man kaum glauben, dass der Neonazismus in einem Land keimen kann, das im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945 so reichlich mit Blut begossen war und in dem über hundert Nationalitäten zusammenleben.

Trotz der schmerzlichen historischen Erfahrungen wuchert die braune Pest: Gegenwärtig gibt es in Russland laut unterschiedlichen Schätzungen über 300 rechtsextreme Organisationen. Allein die Skinheads zählen 60 000 bis 70 000 Mitglieder. Diese gehen immer aggressiver und grausamer vor. Die Zahl ihrer Opfer nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Nach Angaben des Moskauer Menschenrechtsbüros gab es allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres 86 nationalistisch motivierte Überfälle, bei denen 49 Menschen getötet und über 80 verletzt wurden. Im vergangenen Jahr fielen laut dem Menschenrechtszentrum Sowa über 630 russische und ausländische Bürger dem Fremdenhass zum Opfer. Die meisten Überfälle entfielen auf Moskau und Sankt Petersburg. In den beiden größten russischen Städten entfesselten die Skinheads einen regelrechten Krieg gegen „Fremdlinge“.

In den letzten Tagen wurden in der Moskauer Metro-Station Schtschukinskaja zwei Kaukasier geprügelt, zwei weitere Einwanderer wurden in der Metro-Station Kiewskaja überfallen. Einwanderer aus der Kaukasus-Teilrepublik Inguschetien wurden von Skinheads im Moskauer Stadtteil Wychino überfallen. Einer von ihnen wurden getötet. In der Perwomajskaja-Straße wurden drei Jugendliche aus Aserbaidschan zusammengeschlagen. Im Moskauer Vorort Dserschinsk machten die Skinheads zwei Usbeken zu Krüppel. In Sankt Petersburg wurden mongolische Studentinnen und ein Afrikaner überfallen.

All das passiert vor dem Hintergrund der Anti-Kaukasier-Pogrome auf den Märkten und des Schikanierens der Einwanderer, der ausgesprochen rassistischen Appelle von Parlamentsabgeordneten und Gouverneuren und der Herausgabe und Verbreitung von nationalistischen Zeitungen und anderer faschistischer Literatur.

Menschenrechtler schlagen Alarm und appellieren an die Polizei, Gewalt nicht zuzulassen. Tief beunruhigt geben sich auch die Chefs der nationalen Gemeinden. Auf einigen Webseiten drohten die Einwanderer sogar, den Pogrom-Stiftern einen Gegenschlag zu erteilen. Hochschulen verstärkten die Sicherheitsvorkehrungen und riefen ausländische Studenten auf, innerhalb einigen Tagen die Studentenheime nicht zu verlassen.

Wie die Rechtsschutzbehörden auf die bevorstehenden Ausschreitungen der russischen Neonazis reagieren werden, bleibt unklar. Bislang kündigte nur die Polizei des Moskauer Gebiets zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an. Es entsteht der Eindruck, dass Behörden den ganzen Ernst des Problems noch nicht verstanden haben. Wie kann man sonst erklären, dass die Moskauer Stadtbehörden im vergangenen Jahr einer Hitler-Kundgebung zugestimmt und später den rassistischen „Russischen Marsch“ erlaubt haben?

Trotz des geplanten neuen Nazi-Sabbats bleibt der Chef der Moskauer Polizei Wladimir Pronin gelassen. In der russischen Hauptstadt gebe es keine organisierte Skinhead-Bewegung, beschwichtigt der General. Die zahlreichen rassistischen Überfälle auf Farbige seien Einzelerscheinungen. Allen Tatsachen zum Trotz vertritt Pronin seit Jahren diesen Standpunkt.

Auch die gesamte russische Gesellschaft scheint die „braune Gefahr“ zu unterschätzen. Laut Studien des Analytischen Lewada-Zentrums sehen nur fünf Prozent der Russen den politischen Extremismus als eine ernsthafte Bedrohung an. Zugleich sind etwa 15 Prozent der Jugendliche davon überzeugt, dass der Faschismus als Weltanschauungssystem sogar eine positive Seite hat, wie Umfragen des Meinungsforschungsinstituts „Obschtschestwennoje Mnenije“ zeigen.

Ein Drittel der befragten Studierenden einer Moskauer Hochschule glaubt, es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn Hitler-Deutschland die Sowjetunion besiegt hätte. Etwa zehn Prozent äußerten, das Leben in Russland wäre in dem Fall vielleicht besser geworden. Ein beunruhigender Trend.

Der nazistische Untergrund operiert bislang unkoordiniert. Die Banden von Jugendlichen geraten öfter miteinander in Konflikt und sind noch nicht so zahlreich. Es wäre aber kurzsichtig, sich im Glauben zu wiegen, dass die Neonazis noch zu schwach sind, um eine politische Rolle zu spielen. Ein Rückblick auf die Geschichte reicht, um das zu begreifen: 1923 hatten die Münchener Polizei und die Reichswehr ohne Mühe den Hitler-Putsch niedergeschlagen, der von einer kleinen Gruppe von SA-Leuten organisiert worden war. Doch drei Jahre später zählte die NSDAP bereits 17 000 Kämpfer. Anfang 1932, ein Jahr vor Adolf Hitlers Machtantritt, waren es bereits 800 000. RIA Novosti

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