
[ Von Harald Gleißner
] Moskau. Am 14. Wettkampftag bei den Olympischen Winterspielen in Kanada wieder keine Medaille für Russland. Damit bleibt es nach 70 von 86 Entscheidungen bei der mageren Medaillenausbeute von 3 x Gold, 4x Silber und 6 x Bronze für russische Wintersportler.
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Damit fuhr die bisher zahlenmäßig größte russische Mannschaft, 175 Aktive vertreten in Vancouver Russland, das bisher mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein.
Allein beim Biathlon sah die Prognose sechs Medaillen vor. Es reichte nur für die Hälfte. Eine ähnlich schwache Kür legten Eiskunst- und Eisschnellläufer hin. Auch die Wettkämpfe in den nordischen Disziplinen, wo sowjetische Sportler in der Vergangenheit die Konkurrenz immer dominierten, waren aus russischer Sicht ein Drama. Bei neuen Sportarten wie Freestyle, Curling oder Snowboard spielt Russland derzeit ohnehin noch keine Rolle.
Russland führt in der „Blechmedaillenbilanz“
Der Spötter würde jetzt sagen: Aber Russland führt dafür in der inoffiziellen Wertung des sportlichen Grauens – acht Mal hat Russland bisher Platz vier belegt. Genau so oft wie Österreich und vor Kanada, mit sechs Mal Platz vier. Für diesen Platz vier - die „Blechmedaille“ – gibt es aber kein Lob, keine Anerkennung und auch keine Förderung für die Nachwuchsarbeit in den einzelnen Sportverbänden.
Ganz sicher ist Rang vier für die meisten jedoch eine Zäsur: Entweder zerbricht man an diesem Pech oder geht so gestärkt hervor, dass man weiß, wie es das nächste Mal besser läuft. Genau das Zweite muss jetzt für alle russischen Sportler, Politiker, Funktionäre, Trainer und alle Verantwortlichen das Ziel für die nächsten Jahre sein, ansonsten wird Sotschi 2014 das nächste Medaillen-Debakel für Russland.
Sportliches Desaster war absehbar
Das jetzige Desaster im russischen Sport zeichnete sich bereits schon vor Jahren ab. In Turin waren es noch achtmal Gold, sechsmal Silber und achtmal Bronze. Doch Turin war für Russland nur ein Ausreißer nach oben. Bei den Olympischen Spielen davor zeichnete sich der Abwärtstrend des russischen Wintersports bereits ab. Während man in Lillehammer 1994 noch die Nationenwertung gewann und noch vom Erbe der Sowjetunion zehren konnte, fiel man in Nagano bereits auf Rang drei zurück. Vier Jahre später in Salt Lake City war es mit fünfmall Gold nur noch der fünfte Platz im Medaillenspiegel.
Von der einstigen Dominanz in vielen Sportarten ist nichts mehr geblieben. Etwa beim Eiskunstlauf, was zu Zeiten der Sowjetunion eine Domäne war. Stattdessen machten einige Sportler in allen Belangen unglückliche Figur. Jewgeni Pluschtschenko vergönnte erst seinem amerikanischen Konkurrenten großherzig den Sieg indem er sagte: „Er braucht ihn nötiger als ich“, um sich später über die ungerechten Preisrichter zu beklagen.
Traditionen wurden für Kommerz vernachlässigt
Ein Grund für die jetzige Misere ist die Staatskasse, die in den vergangenen 20 Jahren die Förderung von Nachwuchs- und Breitensport nahezu unmöglich gemacht hatte.
Und was machte die Wirtschaft? Obwohl die reichhaltigen Öl- und Gasvorkommen der russischen Wirtschaft Milliardengewinne bescherten, blieb dem Wintersport finanzielle Unterstützung vorenthalten. Gefördert wurden nur ausgewählte Sportarten. Die, bei denen man einfach an die Erfolge des sowjetischen Sports hätte anknüpfen können, waren nicht darunter. Das Erringen von Medaillen wurde, so schien es lange, zweitranging. Modetrends und Kommerz rückten in den Mittelpunkt.
Der von Ministerpräsident Wladimir Putin protegierte alpine Skisport, in dem Russland nie brillierte, wurde zum Medien-Event und trieb den Sportartikelherstellern Millionen potenzieller Kunden zu. Ehemalige Glanzdisziplinen des russischen Wintersports wie etwa der Langlauf verloren dagegen die Zuneigung der Massen. Sportkanäle meiden diesen Sport inzwischen. Entsprechend rar sind Sponsoren, denen die Projektionsfläche für Produktwerbung fehlt.
Neue Wege müssen beschritten werden
Auch Biathlon hatte in den vergangenen Jahren mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Doch dann stellte sich Multimilliardär Michail Prochorow, Hauptaktionär von Norilsk Nickel, dem weltweit größten Buntmetallkonzern, an die Spitze des Verbandes und ließ die Wettkämpfe als buntes Spektakel inszenieren. Das kam in Russland an, Biathlon ist wieder in. Bei den Langläufern herrscht dagegen immer noch eine Stagnation.
Es muss sich vor allem auch wieder mehr um den Nachwuchs gesorgt werden, damit die Erfolge für russische Wintersportler wieder zurückkommen. Desweiteren muss die Infrastruktur in Sportanlagen entscheidend verbessert werden, hier ist speziell die derzeitige Situation im Skisprung entscheidend zu verbessern. Viele Trainer müssen sich auch von ihrer antiquierten Schule verabschieden. Mit allein nur viel trainieren gewinnt man heute keine Medaille mehr bei Höhepunkten, es bedarf heute anderer modernerer Trainingsmethodiken.
2014 bei den Olympischen Winterspielen im eigenen Land will Russland groß auftrumpfen. Ministerpräsident Wladimir Putin versicherte in einer Videokonferenz mit dem russischen Haus in Vancouver - die Vorbereitungen für Sotschi würden plangerecht verlaufen, sowohl finanziell als auch bei den Baufristen. Den Umfang der Bauarbeiten in Sotschi nannte Putin "eine Wucht". Und er schwelgte in Superlativen: insgesamt 207 Objekte würden gebaut, davon seien 14 allein für den Sport bestimmt. Ein Flughafen, ein Hafen am Schwarzen Meer, 206 Kilometer Straße und 384 Kilometer Schienen würden errichtet, berichtete er begeistert. Weiterhin betonte Putin, es sei inzwischen gelungen, 500 Milliarden Rubel (knapp 12 Milliarden Euro) privater Investitionen zu beschaffen. Vom Staat werden rund 8,8 Milliarden Euro fließen.
Das hört sich alles sehr gut an - nur wenn von diesem Budget kein Geld auch in die Nachwuchsarbeit fließt, keine neue Infrastruktur für den Wintersport außerhalb von Sotschi aufgebaut wird, kein Geld in die Ausbildung von Trainern investiert wird oder es bereits abgewanderten Spitzentrainern attraktiv gemacht wird wieder in ihre Heimat zurückzukehren und wenn sich nicht auf die alten Stärken besonnen wird, die da waren - Leidenschaft, Herz, Hunger, Wille und Fairness, werden die sportlichen Erfolge für Russland auch in Sotschi 2014 ausbleiben. [ Harald Gleißner
/ russland.RU ]
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